Psychische Gesundheit: Interview im Rahmen der Kampagne «Wie geht’s dir?»

möchte dafür sensibilisieren, dass es wichtig und richtig ist, auch über psychische Erkrankungen offen zu sprechen. Sie möchte dazu beitragen, dass Betroffene weniger ausgegrenzt werden und sie will Wissen über psychische Erkrankungen verbreiten, um so negative Vorurteile abzubauen. Aus diesem Grund publiziert der Bezirk Küssnacht regelmässig Interviews zum Thema.
Lukas Gerber war ein talentierter Radrennfahrer und absolvierte das KV in Form einer Sportlehre. Nach dem Spitzensport konzentrierte er sich auf das Studium der Betriebswirtschaftslehre. Im April 2020, nach einem belastenden Zivilschutzeinsatz mitten in der Corona-Krise, wurde bei ihm eine Bipolare Störung diagnostiziert.
Lukas Gerber erhielt die Diagnose mitten in einer schweren Manie. Er wurde in die Universitäre Psychiatrische Kliniken UPK Basel eingeliefert und hatte dabei vor al-lem einen Gedanken: «Mein Leben ist so gut wie vorbei.» Es folgten harte Monate mit schweren Depressionen, und auch Suizidgedanken machten sich breit. «Nicht gerade das, was man sich als 27-jähriger junger Mann wünscht, der mitten im Abschluss seines Bachelorstudiums steckt und eigentlich die ganze Welt mit all seinen Möglichkeiten vor sich haben sollte», blickt Lukas Gerber zurück.
Während 1 ½ Jahren kämpfte Lukas Gerber mit schweren Depressionen, welche er gegen Ende 2021 besiegen konnte. Heute, dank Medikamenten gut eingestellt, sagt er: «Die Diagnose Bipolare Störung war vielleicht das Beste, was mir passieren konnte. Die Erkrankung hat mir die Augen geöffnet. Ohne sie würde ich immer noch in der Zukunft statt im hier und jetzt leben. Und ich wüsste auch nicht, was Familie und Freundschaft wirklich bedeuten.»
Eine Bipolare Störung ist eine schwere psychische Erkrankung (früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt). Menschen, die darunter leiden, erleben ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Zeitweise fühlen sich die Betroffenen sehr niedergeschlagen, dann wiederum sind sie euphorisch, aufgedreht, hyperaktiv und überschätzen sich. Etwa 3 von 100 Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Bipolare Störung.
Interview mit Lukas Gerber
Lukas Gerber: Die Antwort ist eigentlich ganz simpel. Man sollte einfach darüber reden. Ich persönlich habe von Anfang an mit allen über meine psychische Erkrankung gesprochen. Ich sah nie einen Grund, eine Maske aufzusetzen und mich dahinter zu verstecken. Dies hatte auch mit meiner Krankheit zu tun. Ich war in einer Manie, voller Energie, sprach viel und hatte viele Ideen im Kopf.
Die engsten Bezugspersonen sind in der Regel die eigene Familie und gute Freundinnen und Freunde. Wer damit Mühe hat und sich nicht getraut, in diesem Kreis über seine psychische Gesundheit zu sprechen, holt sich am besten professionelle Hilfe. Dort gibt es Anonymität, was eine gewisse Sicherheit vermittelt.
Ich stelle schon seit einiger Zeit fest, dass in dieser Hinsicht etwas geht. Die Akzeptanz für psychische Krankheiten wird grösser. Es wird heute mehr darüber gesprochen als früher. In der Generation meiner Grosseltern war dies ein eigentliches Tabuthema. In der Generation meiner Eltern wird darüber gesprochen, wobei meine Erkrankung doch mit einer Art Wow-Effekt zur Kenntnis genommen wird. Bei der jüngeren Generation wird immer offener darüber gesprochen. Was es zusätzlich braucht sind öffentliche Institutionen, welche die Aussage fördern, dass wir Platz haben für psychische Erkrankungen und offen damit umgehen. Ein guter Ansatz wäre auch, wenn authentische Geschichten von psychisch Erkrankten in der Öffentlichkeit erzählt werden. Zum Beispiel im Rahmen von Dokumentationssendungen am Schweizer Fernsehen. So könnten viele Leute angesprochen und für das Thema sensibilisiert werden.
Eigentlich sehr gut. Das Schicksal wollte, dass diese Krankheit bei mir ausbricht. Es gibt für mich zwei Möglichkeiten: Entweder ich akzeptiere die Krankheit oder ich bin nicht mehr da. Es ist mir in den letzten Monaten bewusst geworden, dass ich eine zweite Chance in meinem Leben erhalten habe. Ich hadere nicht mit meinem Schicksal, und ich frage mich auch nicht, wieso gerade ich? Ich sage mir: Jetzt will ich erst recht etwas Gutes aus meinem Leben machen. Die einzige Einschränkung, die ich habe, bezieht sich auf die Medikamente. Ich nehme am Morgen und Abend je eine Tablette. Das ist das Einzige, was ich machen muss. Ansonsten bin ich gesund, körperlich und psychisch. Es geht mir gut. Ich bin stabil, was mich glücklich und zufrieden macht.
Ich war regelmässig bei einer Psychologin und habe verschiedene spannende Therapien absolviert. Ich realisierte aber sehr schnell, dass ich meine Krankheit nur mit guten Medikamenten in den Griff bekommen kann.
Man muss sich zuerst bewusst werden, dass man Hilfe benötigt. Bei mir war es mein Umfeld, welches mich darauf aufmerksam machte. Ich selber hatte dies gar nicht festgestellt. Wenn man sich bewusst ist, dass man Hilfe benötigt, ist der erste Schritt in der Regel der Gang zum Hausarzt. Mit ihm bespricht man, wie es weitergehen soll; mit einer Therapie oder mit Medikamenten? Ist dies entschieden, muss man Vertrauen in die gefällte Entscheidung haben und diese konsequent umsetzen.
Zusammengefasst würde ich betroffenen Personen folgendes mit auf den Weg geben: Hilfe holen, mit anderen Personen über die psychische Gesundheit sprechen (in privaten Angelegenheiten proaktiv) und auf die Medikamente vertrauen. Und sich immer bewusst sein, dass das Leben auch mit einer Bipolaren Störung nicht vorbei, sondern absolut lebenswert ist. Nicht zuletzt dank guten Medikamenten, welche heute zur Verfügung stehen.
Gemäss meiner eigenen Wahrnehmung haben wir in diesem Bereich in der Schweiz ein grosses Problem. Es gibt viel zu wenige Anlaufstellen, wenn es um die psychische Gesundheit geht. Heute ist es so, dass viele nicht über den eigenen Schatten springen und sich auch nicht melden, wenn sie ein Problem haben und Unterstützung benötigen. Wichtig ist auch, dass man weiss, wo sich solche Anlaufstellen befinden. Deshalb ist die regelmässige Öffentlichkeitsarbeit wie dieses Interview von grosser Bedeutung.
Das Schlimmste, das man machen kann, ist eine Person mit einer psychischen Erkrankung in Ruhe zu lassen. Getrauen Sie sich, andere Personen anzusprechen und sie zu fragen, wie es ihnen geht. Für mich ist dies extrem wertvoll. Man darf mich alles fragen. Ich habe nichts zu verheimlichen. Mein Umfeld ist sich dessen bewusst.
Ich wohne in einer WG. Meine Mitbewohner bekommen jeweils schnell mit, ob es mir gut oder schlecht geht. Ich spreche aber am meisten mit meiner Familie und mit guten Freunden über meine psychische Verfassung.
Ich sage ihm, dass es mir gut geht. Ich bin stabil und habe mein Leben im Griff. Weil ich demnächst meine Masterarbeit abgebe, bin ich ein bisschen gestresst, was aber absolut normal ist. Sonst läuft alles super. Dies hängt auch mit meinem Psychiater zusammen. Die gute Zusammenarbeit basiert auf gegenseitigem Vertrauen.
Nein, überhaupt nicht.