Kevin Guerreiro Paulino ist einer von vielen Kunstschaffenden, die am Fest der kulturellen Vielfalt am 7. Juni in Immensee auftreten. Im Interview erzählt er von seiner Leidenschaft, dem Fado, und wie durch kulturellen Austausch neue Perspektiven entstehen.
Kevin Guerreiro bei einem früheren Auftritt im Monséjour (Foto: Marco Torre)
Kevin Guerreiro Paulino, Sie singen Fado. Woher stammt diese besondere Musikrichtung?
Fado ist eine portugiesische Musiktradition, die im 19. Jahrhundert in Lissabon entstanden ist. Von dort verbreitete sie sich auch nach Coimbra und in andere Teile des Landes. Besonders bekannt sind die Fado-Stile aus Lissabon und Coimbra. Der Gesang wird von einer portugiesischen Gitarre, einer zwölfsaitigen Variante, und einer klassischen Gitarre begleitet.
Worum geht es bei Fado?
Das Wort «Fado» stammt vom lateinischen «fatum», also vom Schicksal. Eine zentrale Rolle spielt das Gefühl der «saudade». Es beschreibt eine tiefe, oft melancholische Sehnsucht, für die es in anderen Sprachen kaum eine passende Entsprechung gibt. Ich verstehe darunter auch die Schönheit, die in der Sehnsucht selbst liegen kann. Fado macht dieses Gefühl hörbar. Wer wissen möchte, was «saudade» bedeutet, sollte Fado erleben.
Wie sind Sie persönlich zum Gesang und spezifisch zu Fado gekommen?
Meine Eltern, Fatima und Carlos Paulino, betreiben seit über 22 Jahren den portugiesischen Weinladen «Algarvesol» in Küssnacht. In diesem Rahmen haben sie viele Fado-Abende in lokalen Restaurants organisiert. Dabei traten Künstlerinnen und Künstler direkt aus Portugal auf, begleitet von portugiesischem Essen und Wein. So bin ich früh mit dem Fado in Berührung gekommen und hatte dort meine ersten kleinen Auftritte. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Abend, an dem mich António Gonçalves begleitet hat, dem ehemaligen Gitarristen von Amália Rodrigues. Solche Momente sind für mich sehr wertvoll.
Was bedeutet Fado für Sie heute?
Fado ist für mich eine Form, menschliche Erfahrungen auszudrücken. Er verbindet mich mit meinen Wurzeln und gibt mir gleichzeitig die Möglichkeit, universelle Gefühle zu vermitteln. In dieser Musik finde ich auch einen Zugang zur Welt, der weit über Worte hinausgeht. Ich glaube fest daran, dass Fado eine Gefühlslücke füllen kann.
Sie treten am 7. Juni am Fest der kulturellen Vielfalt im Bethlehem in Immensee auf. Mit Ihnen werden weitere Kunstschaffende aus verschiedensten Kulturen die Bühne betreten. Welche Bedeutung hat kultureller Austausch für Sie?
Ich halte nichts von kulturalistischer Abgrenzung oder Essentialismus. Kultureller Austausch bedeutet daher für mich, sich gegenseitig anzuerkennen. Wenn Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen, muss man lernen Andere zu respektieren, ohne sie vielleicht zu verstehen. Es entstehen dadurch neue Perspektiven und Verbindungen. Gerade in der Kunst ist das sehr wertvoll.
Haben Sie selbst schon Erfahrungen gesammelt, bei denen der Austausch mit unterschiedlichen Kulturen Ihre Musik oder Ihr Leben bereichert hat?
Ja, viele. Ich bin selbst in mehreren Kulturen und Sprachen aufgewachsen, das hat mein Denken und Fühlen stark geprägt. Auch musikalisch haben mich Begegnungen mit anderen Traditionen inspiriert. Der Fado selbst ist ein gutes Beispiel dafür, wie kulturelle Einflüsse ineinanderfliessen – etwa aus dem afrikanischen Kontinent, Brasilien oder dem arabischen Raum. Das zeigt, wie sehr Musik verbindet.
Was möchten Sie dem Publikum am Fest der kulturellen Vielfalt mitgeben?
Die Schweiz ist seit Jahrzehnten eine Migrationsgesellschaft, auch wenn dieses Selbstverständnis noch nicht überall angekommen ist. Für mich hat das Fest eine besondere symbolische Kraft. Es zeigt, wie bereichernd Vielfalt sein kann – und dass Kultur nicht an Grenzen haltmacht. Ich wünsche mir, dass wir einander mit Offenheit und Neugier begegnen, nicht mit Vorurteilen. Wer zuhört, kann sehr viel entdecken – im Fado wie auch im Miteinander.
Am 7. Juni findet im Bethlehemhof in Immensee das zweite Fest der kulturellen Vielfalt statt. Unter dem Motto «Musik schafft Gemeinschaft» sind alle ab 17 Uhr zum Tanzen, Singen und Feiern eingeladen. Weitere Informationen finden Sie unter https://kuessnacht.ch/kulturelle-vielfalt